Boom, Blase, Bodenbildung – was den Luxusuhrmarkt 2026 wirklich bewegt
Rolex-Wartelisten, Patek-Preisrekorde, dann der Absturz – und jetzt? Der Luxusuhrmarkt hat seit 2020 eine Achterbahn durchlebt, die selbst hartgesottene Sammler überrascht hat. Wer gewonnen hat, wer verloren hat – und worauf es 2026 ankommt.
Es begann mit Schlangen vor Boutiquen. Wer 2021 einen Rolex Submariner haben wollte, wartete Monate – oder zahlte auf dem Graumarkt das Doppelte des Listenpreises. Die Pandemie hatte etwas Paradoxes bewirkt: Während die Welt stillstand, suchten wohlhabende Käufer Sicherheit in Sachwerten. Luxusuhren, knapp und begehrt, wurden zur Anlageklasse. Der Hype war real. Und wie alle Hypes: Er endete.
Zwischen 2022 und 2024 verlor der Sekundärmarkt für Luxusuhren in drei aufeinanderfolgenden Jahren an Wert – insgesamt rund 25 %. Eine brutale Ernüchterung für alle, die auf dem Höhepunkt gekauft hatten. Doch 2025 kam die Wende: Erstmals seit dem Boom legten Gebrauchtuhrenpreise wieder zu, um 4,9 %. Der Markt hat seinen Boden gefunden. Die Frage ist nur: Wer profitiert davon – und wer bleibt zurück?
Die großen Zahlen: Ein Jahrzehnt in fünf Jahren
Die Schweizer Uhrenexporte sind der verlässlichste Seismograph der Branche. Und sie erzählen eine klare Geschichte: Vom COVID-Schock 2020 (CHF 21,2 Mrd.) über das Allzeithoch 2023 (CHF 26,7 Mrd.) bis zur Normalisierung 2025 (CHF 25,6 Mrd.). Was auf dem Papier wie ein leichter Rückgang wirkt, ist strukturell bedeutsamer: Der Markt verkauft weniger Uhren, aber teurere. 2005 machten Uhren über CHF 3.000 rund 45 % des Exportwerts aus. Heute sind es 80 % – bei nur 13 % des Volumens.
Das Mittelfeld stirbt einen langsamen Tod. Nicht dramatisch, nicht über Nacht – aber unaufhaltsam. Wer als Marke nicht am oberen oder unteren Ende klar positioniert ist, verliert Käufer an beide Seiten.
| 📉 | Sekundärmarkt 2023 | –10,7 % – schärfste Korrektur seit Jahren |
| 📈 | Sekundärmarkt 2025 | +4,9 % – erste Erholung seit dem Boom |
| 🇨🇳 | China 2024 | –25,8 % – schlimmer als während COVID |
| 🇮🇳 | Indien 2024–25 | +30 % in zwei Jahren – der neue Wachstumsmarkt |
| 💰 | Gold-Effekt | Golduhren +20 % in Retail – Gold bei $4.500/oz |
Gewinner: Wer die Richtigen anspricht
Cartier ist die Überraschungsgeschichte des Jahrzehnts. Während andere Marken um Marktanteile kämpften, steigerte das Pariser Haus seinen Anteil am Sekundärmarkt seit 2020 um 66 %. Tank und Santos sind nicht nur Uhren – sie sind Lifestyle-Objekte, die eine jüngere, stilbewusstere Generation anspricht, die lieber Cartier trägt als Statussymbole von gestern. Das ist kein Zufall, das ist Strategie.
Vacheron Constantin folgt mit einem cleveren Move: Die neue 222 in Stahl – ein Gérald-Genta-Design, wie auch die Royal Oak und die Nautilus – handelt auf dem Sekundärmarkt zum dreifachen Listenpreis. Rolex wiederum bleibt das Gravitationszentrum des Marktes: 34 % Marktanteil auf dem Sekundärmarkt, mehr als Omega, Patek, Cartier, Audemars Piguet, Breitling und IWC zusammen.
Und dann sind da die Independents. F.P. Journe erzielte bei Herbstauktionen 2025 im Schnitt 76 % über dem hohen Schätzpreis. 76 %. Das ist kein Markt mehr – das ist Kunst. Wer eine F.P. Journe besitzt, besitzt etwas, das niemand sonst hat. Und genau das ist 2026 das stärkste Kaufargument überhaupt.
„Die Uhr stirbt nicht. Aber sie spaltet sich – in Ikonen und Imitatoren.“
Verlierer: Wenn der Name allein nicht mehr reicht
Blancpain verlor 2025 zwölf Prozent. Piaget fast genauso viel. Jaeger-LeCoultre, eine der handwerklich brillantesten Marken der Welt, büßte über acht Prozent ein. Das ist das Paradox unserer Zeit: Außergewöhnliche Komplikationen allein reichen nicht mehr. Wer keine klare kulturelle Erzählung hat, wer nicht in Instagram-Feeds und Rappervideos auftaucht, wer keine Schlange vor der Boutique produziert – verliert Sammler an Marken, die das können.
Das Dress-Watch-Segment – die elegante, oft in Gold gefertigte Komplikationsuhr zum Anzug – hat ein Publikumsproblem. Die neue Generation von Käufern trägt Uhren als Persönlichkeitsausdruck, nicht als Standeszeichen. Wer das nicht versteht, verliert.
2026: Zwischen Zollchaos und neuen Märkten
Das Jahr 2026 steht unter drei großen Vorzeichen. Erstens: die US-Zollpolitik. Nachdem Trump-Zölle auf Schweizer Uhren kurzfristig auf 39 % hochschnellten und den US-Export im August 2025 um über 55 % einbrechen ließen, sorgte die Senkung auf 15 % zum Jahresende für Erleichterung. Der US-Markt ist zurück – aber fragil.
Zweitens: China erholt sich langsam. Nach einem Einbruch von über 25 % in 2024 zeigten sich erste Zeichen der Stabilisierung – Chow Tai Fook, Chinas größter Juwelier, verzeichnete im Herbstquartal 2025 ein Plus von 18 %. Das ist kein Turnaround, aber es ist Hoffnung.
Drittens: Indien und der Nahe Osten werden zu ernsthaften Wachstumsmärkten. Saudi-Arabien wuchs 2025 um 9 %, Indien um 8,9 % – und das nach +25 % in 2024. Patek Philippe eröffnete Boutiquen in Mumbai und Neu-Delhi. Rolex folgt. Diese Märkte sind jung, wohlhabend und hungrig auf Exklusivität.
Was das für Käufer und Sammler bedeutet
Der klügste Kauf 2026 ist nicht der lauteste. Es ist der mit der besten Geschichte, der klarsten Identität und der kontrolliertesten Verfügbarkeit. Rolex Sports-Modelle bleiben das sicherste Fundament. Cartier und Vacheron bieten das beste Aufwärtspotenzial. F.P. Journe, A. Lange & Söhne und ähnliche Independents sind für alle, die nicht Rendite suchen, sondern Bedeutung.
Wer hingegen hofft, dass eine unbekannte Dress-Watch-Marke mit Komplikationsuhrwerk und Heritage-Marketing die nächste Erfolgsstory wird, sollte zweimal nachdenken. Der Markt ist gnadenlos klar geworden: Es gewinnt, wer echt ist. Wer eine Ikone hat. Und wer die Kontrolle über sein Produkt nicht verliert – weder in der Produktion noch in der Erzählung.
„Der Luxusuhrmarkt belohnt 2026 Geduld, Klarheit und Haltung – von Marken wie von Käufern.“
Über diese Analyse
Dieser Artikel basiert auf Exportdaten der Federation of the Swiss Watch Industry (FHS), Sekundärmarkt-Analysen von WatchCharts/Morgan Stanley, Chrono24-Transaktionsdaten sowie Branchenberichten von Deloitte und Bain & Company. Stand: März 2026.







